Laura El-Tantawy

Laura El-Tantawy
Foto: Laura El-Tantawy

Fotobuch-Talks: Interview mit Laura El-Tantawy

„Die Produktion eines Fotobuchs ist im Grunde wie ein Unternehmen zu leiten“
23.06.2015

Mit dem Bildband „In the Shadow of the Pyramids“ hat die Britin mit ägyptischen Eltern eines der besten Fotobücher dieses Jahres veröffentlicht. 

Beim Kassler Fotobookfestival gewann das selbstverlegte Fotobuch gerade den Publikumspreis. Und auch bei den Nominierungen für die Fotobücher des Jahres bei PhotoEspaña in Madrid durfte der Band nicht fehlen. Wir interessierten uns für die Geschichte hinter diesem Bucherfolg.

fotoMAGAZIN: Warum haben Sie sich entschieden, Ihren ersten Bildband selbst zu verlegen?

Laura El-Tantawy: Diese Entscheidung habe ich erst sehr spät in der Produktion des Buches getroffen. Ich wollte den Band zunächst unbedingt bei einem renommierten Verlag veröffentlichen, da es mein erstes Fotobuch ist und ich den ganzen Produktionsprozess noch nicht kannte. Dann merkte ich jedoch, dass es im Umgang mit Verlegern gewisse Hierarchien gibt. Ich war nur ein Projekt unter vielen anderen und ich mochte das Gefühl nicht, am Haken zu zappeln und dann abwarten zu müssen, was anschließend passiert.

Zudem hätte ich auch mit einem Verleger die Produktionskosten tragen müssen. So erschien ein Modell für mich nicht finanziell nachhaltig, bei dem die Einnahmen im Vergleich zu meinen Ausgaben praktisch nicht existent gewesen wären. Zudem beharrte ich darauf, dass niemand in dem Buch namentlich genannt würde, der nicht genauso hart an dessen Verwirklichung gearbeitet hatte. Die letzten acht Jahre hatte ich mir das Geld sehr hart erspart, das ich nun in das Buch steckte. Und als unabhängige Fotografin gearbeitet. Diese Arbeit wollte ich auch entsprechend gewürdigt sehen. Ich beschloss also, den Band selbst zu veröffentlichen. Das war die beste und mutigste Entscheidung, die ich getroffen habe. Heute würde ich das ganz genau so wieder machen.

„Dann merkte ich dass es im Umgang mit Verlegern gewisse Hierarchien gibt. Ich war nur ein Projekt unter vielen anderen und mochte dieses Gefühl nicht, am Haken zu zappeln“ 

fotoMAGAZIN: Hatten Sie ein Vorbild bei diesem Schritt zum Self Publishing?

El-Tantawy: Viele. Ich den vergangenen Jahren gab es viele Leute, die ihre Projekte selbst veröffentlicht haben. Es gab also eine Menge guter Beispiele, die ich mir ansehen konnte. 

The People - Laura El-Tantawy

The People - Laura El-Tantawy

"The People" von Laura El-Tantawy als Zeitungsvariante

Foto: Laura El-Tantawy

fotoMAGAZIN: Haben Sie sich während der ganzen Produktionsstufen Rat geholt?

El-Tantawy: Ja, es war mir wichtig, mich mit Leuten zu umgeben, die mehr über Bücher wissen als ich – aber auch mit Leuten, denen ich vertrauen konnte; von Buchhändlern und Sammlern bis zu den besten Designern, Printern und Buchbindern.

fotoMAGAZIN: Was war der größte Kompromiss, den Sie für diesen Band eingehen mussten?

El-Tantawy: Ganz ehrlich: Mir fällt keiner ein.

fotoMAGAZIN: Wie haben Sie Ihr Projekt finanziert? Sie hatten Sie ja auch für Crowdfunding über die Plattform emphas.is entschieden ...

El-Tantawi: Ich habe neun Jahre an diesem Buch gearbeitet. Zwischendrin startete ich eine Crowdfunding-Kampagne bei emphas.is, um dort 7000 Dollar für mehrere Reisen nach Ägypten einzusammeln. Als ich dann in Ägypten war und die Proteste am Tahir Platz fotografierte, unterstützte mich noch das Burn Magazine mit 2000 Dollar. Das komplette  Projekt kostete jedoch viel mehr. Die erwähnte Unterstützung hat mir also sehr geholfen, aber mit eine wenig Stolz kann ich heute sagen, dass ich das Projekt mit meinen Ersparnissen zu großen Teilen selbst finanzierte. Ich habe noch einen Nebenjob und dort ersparte ich mir dieses Geld.

fotoMAGAZIN: Die Wahl der richtigen Auflage für ein Buch ist nicht immer einfach. Wie lief dieser Entscheidungsprozess bei Ihnen ab?

El-Tantawy: Ich wollte von Anfang an 500 Bücher und das aus drei Gründen:
Ich glaube, ein Buch erzählt eine persönliche und ganz spezielle Geschichte und gehe vorsichtig damit um, in welche Hände ich es gebe. Eine große Auflage hätte mir dieses Gefühl nehmen können.
Zum Zweiten bin ich mir sehr bewusst, wie viele Fotobücher heute veröffentlicht werden und wollte mich auf ein Buch konzentrieren, dass schön und besonders ist – ein Objekt, das man gern in den Händen hält und erlebt.
Der dritte Grund ist, dass ich einfach nicht wusste, wie meine Arbeit aufgenommen werden würde. 

fotoMAGAZIN: Ihr Bildband war nach ein paar Monaten ausverkauft. Welche Erklärung haben Sie für diesen sofortigen Erfolg und die riesige Anerkennung, die diese Arbeit bekommen hat?

El-Tantawy: Das kann ich mir nicht ganz erklären, außer vielleicht damit, dass der Band etwas in den Leuten angesprochen hat. Ich mag den Gedanken, dass er erfolgreich ist, weil sich alles erfüllt hat, was ich mit dem Buch erreichen wollte. Das macht mich sehr glücklich und extrem stolz.

fotoMAGAZIN: Würden Sie heute etwas anders machen, wenn Sie die Chance hätten „In the Shadow of her Pyramids" noch einmal zu machen?

El-Tantawi: Meine einzige, anfängliche Enttäuschung war, dass dies ein Buch über die Revolution geworden ist. Jetzt weiß ich, warum das so passierte, doch meine ursprüngliche Absicht war es, den Alltag in Ägypten zu erkunden. Ich habe noch viele Ideen, wie ich Ägypten erkunden möchte, also werde ich hier weitermachen. An dem Buch an sich hat mich überhaupt nichts enttäuscht.

fotoMAGAZIN: Wie haben Sie den richtigen Designer für das Projekt gefunden?

El-Tantawy: Zunächst habe ich mir Bücher angeschaut, die ich mochte und recherchiert, wer diese gestaltet hatte. Zudem bat ich einige Leute, mir den ihrer Meinung nach besten Designer zu nennen. Alle Antworten deuteten nach Holland. Das war also mein erster Schritt. Im Dezember 2013 reiste ich dann nach Amsterdam und verabredete mich dort mit drei oder vier Designern, um mit ihnen über mein Projekt zu sprechen.
Es war mir wichtig, dass ich diesen Menschen mochte, mit dem ich zusammenarbeiten würde. Und dass der Designer sich in meine Arbeit einfühlen konnte. 

In the shadow of the pyramids - Laura El-Tantawy

In the shadow of the pyramids - Laura El-Tantawy

"In the shadow of the pyramids" von Laura El-Tantawy gewann auf dem Kasseler Fotobookfestival 2015 den Publikumspreis

Foto: Laura El-Tantawy

fotoMAGAZIN: Sie haben gerade mit „The People“ (Auflage: 1500 Exemplare) eine Art Zeitungsvariante Ihres Buches als Anschlussprojekt veröffentlicht. Wie kam es dazu?

El-Tantawy Das hat sich ganz natürlich entwickelt, wie nach meiner Ansicht eigentlich jede gute Idee. Man hatte mir empfohlen, ein ungeschliffenes Buch mit einem gewissen „Street Feel“ zu machen. Und ich hing sehr an meinem Buch, es ist gewissermaßen mein Herz und meine Seele. Also entschied ich, dass die zweite Version im Zeitungsformat erscheinen sollte und ich mag das wirklich sehr. Das ist eine ganz andere Erfahrung als ein Buch. Roh, direkt, sein Wert erschließt sich nicht sofort, aber in ein paar Jahren wird das ein echtes historisches Dokument sein.

Zeitungen führen mich zurück in meine Kindheit,  sie wecken Erinnerungen an meinen Großvater, der auf jeder Seite jedes Wort gelesen hat. Und sie erinnern mich daran, wie ich als Kind jeden Morgen losrannte, um die Zeitung zu holen, die jemand vor die Tür geworfen hatte. Ich erinnere mich noch an den Geruch des Papiers und an die Druckertinte an unseren Fingerspitzen. Obwohl die Zeitungsversion keine persönliche Narrative hat, ist sie sehr persönlich. Sie ist zudem ein schönes Objekt, das über die Jahre mit uns altern wird. Ich sehe sie also als ein „lebendes Objekt“. Das Papier wird altern und vergilben, es wird fragiler, die Farben werden ein wenig verblassen, doch diese Zeitung wird weiter für die wichtigsten Kapitel der ägyptischen Geschichte neuerer Zeit stehen. Und es ist ein Kapitel, das mittlerweile schon wieder in Ägypten ausradiert wurde. 

fotoMAGAZIN: Was ist die wichtigste Lektion, die Sie mit diesem Buch lernten?

El-Tantawy: Ich habe so viele Lektionen gelernt. Am wichtigsten sind Geduld und wie man mit Menschen auf eine Art spricht, die in der gemeinsamen Zusammenarbeit etwas erzeugt, das wachsen kann. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, meiner Vision treu zu bleiben und an sie zu glauben.
Zudem lernte ich, hart zu sein, wenn es einmal nicht so gut läuft und komplett offen und direkt im Umgang mit Leuten, die ihren Job nicht korrekt machen. Also im Grunde lernte ich, wie man eine Firma führt, denn beim Self Publishing geht es darum, ein Unternehmen zu leiten. Die Dinge laufen nicht immer richtig und es ist wichtig zu wissen, wie wir damit emotional umgehen und dann zu versuchen, den Schaden zu reparieren. 

„Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, meiner Vision treu zu bleiben und an sie zu glauben. Im Grunde lernte ich, wie man eine Firma führt“

fotoMAGAZIN: Welche anhaltenden Folgen hat der Erfolg des Buches bei Ihnen noch heute?

El-Tantawy: Er macht mich glücklich. Wenn mir Leute Komplimente machen, lächle ich, schalte dann aber schnell um und denke an mein nächstes Projekt. Andererseits habe ich extrem hart gearbeitet, um soweit zu kommen und deshalb möchte ich mir auch ein wenig diese Anerkennung gönnen.
Das ist mein erstes Buch und ich möchte, dass jede meiner Publikationen etwas ganz Besonderes ist. Ich habe immer sehr hohe Ansprüche an mich. Deshalb versuche ich jetzt, hart an meinem nächsten Projekt zu arbeiten und mich nicht von Versagensängsten lähmen zu lassen. Auch nicht von dem Sorge, dass es die Menschen nicht so mögen könnten wie „In the Shadow of the Pyramids“. Das kann destruktiv sein.
Ich will einfach nur die Arbeit machen, an die ich glaube und mir erlauben, frei zu sein. 

Hintergrundinformationen zu diesem Fotobuch-Thema finden Sie in der Reportage "Der BücherBoom" von Manfred Zollner, die in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 06/2015 erschienen ist.

Mehr Interview-Bonusmaterial zum Thema Bildbände und Fotobuch auf unserer Übersichtsseite "Dialoge über die Zukunft des Bildbandes".

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.